Haben Sportler eine besondere Persoenlichkeit?

Zig Stun­den an Trai­ning in der Woche, das strik­te Hal­ten an einen Ernäh­rungs­plan, die Schmer­zen und Erschöp­fung, die man in man­chen Trai­nings­ein­hei­ten über­win­det — als Sport­ler muss man doch schon ein wenig ver­rückt sein, oder? Als Otto-Nor­mal­ver­brau­cher gar nicht denk­bar?

Das legt nahe, dass man als Sport­ler schon ein bestimm­ter Typ Mensch sein muss, um so viel an Zeit, Herz­blut und Schweiß in die eige­ne Wei­ter­ent­wick­lung zu inves­tie­ren. Aber unter­schei­den sich Sport­ler im Hin­blick auf die Per­sön­lich­keit wirk­lich vom „Otto-Nor­mal­ver­brau­cher“?

Bevor wir jetzt genau­er in die Köp­fe von Ath­le­ten schau­en, lasst uns erst ein­mal den Begriff Per­sön­lich­keit unter die Lupe neh­men:
 
Mit dem Begriff Per­sön­lich­keit beschreibt man in der Psy­cho­lo­gie die indi­vi­du­el­len Beson­der­hei­ten von Per­so­nen in Bezug dar­auf, wie sie sich ver­hal­ten und bestimm­te Aspek­te des Lebens ver­ar­bei­ten und erle­ben. In der psy­cho­lo­gi­schen For­schung hat sich in den letz­ten Jah­ren ein Modell zur Beschrei­bung von Per­sön­lich­keits­ei­gen­schaf­ten beson­ders eta­bliert: Das soge­nann­te BIG 5 Modell der Per­sön­lich­kei­ten fasst fünf gro­ße Eigen­schaf­ten von Per­so­nen zusam­men. Die­se nen­nen sich Extra­ver­si­on, Neu­ro­ti­zis­mus, Offen­heit für Erfah­run­gen, Gewis­sen­haf­tig­keit und Ver­träg­lich­keit. Die Theo­rie dahin­ter ist, dass jede die­ser fünf Eigen­schaf­ten in jeder Per­son unter­schied­lich stark aus­ge­prägt ist. Man kann sich das wie einen Schie­be­reg­ler vor­stel­len, der von „hoch“ bis „nied­rig“ für jede Per­son bei den fünf Eigen­schaf­ten unter­schied­lich ein­ge­stellt ist. So erge­ben sich ganz ver­schie­de­ne „Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten“ und Ein­zig­ar­tig­kei­ten für jeden Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten.
Das steckt hin­ter den fünf Eigen­schaf­ten:
 
Extra­ver­si­on: Per­so­nen, die sehr extra­ver­tiert sind, suchen viel Kon­takt zu ande­ren, sind gesel­lig und aktiv
Offen­heit für Erfah­run­gen: Per­so­nen, die eine hohe Aus­prä­gung die­ser Eigen­schaft haben, zeich­nen sich dadurch aus, dass sie eine intel­lek­tu­el­le Neu­gier­de gegen­über neu­en Din­gen haben, sie sind wiss­be­gie­rig und schät­zen neue Erfah­run­gen
Ver­träg­lich­keit: Men­schen, die sich beson­ders ver­träg­lich ver­hal­ten, kön­nen als freund­lich, hilfs­be­reit und warm im Umgang mit ande­ren beschrie­ben wer­den. Sie sind koope­ra­tiv und har­mo­nie­be­dürf­tig
Gewis­sen­haf­tig­keit: Gewis­sen­haf­te Per­so­nen erle­di­gen Auf­ga­ben sehr beharr­lich, ihnen liegt viel dar­an zuver­läs­sig und ordent­lich zu sein. Sie arbei­ten aus­dau­ernd und hart.
Neu­ro­ti­zis­mus: Per­so­nen, die die­se Eigen­schaft hoch aus­ge­prägt auf­wei­sen, ver­hal­ten sich eher ner­vös und ängst­lich. Häu­fig spie­len Gefühls­schwan­kun­gen und Unsi­cher­hei­ten eine Rol­le.
Wenn du möch­test, über­leg doch mal für dich selbst: Wel­che Eigen­schaf­ten spie­geln dein Ver­hal­ten gut wider? Was denkst du, ist bei dir per­sön­lich eher hoch und was eher nied­rig aus­ge­prägt?
 
Jetzt lasst uns mal genau­er die Per­sön­lich­keit von Sport­lern unter die Lupe neh­men: Wenn man von dem Big 5 Modell aus­geht, dann könn­te man ver­mu­ten, dass Sport­ler eher extra­ver­tiert sind, weil sie sich häu­fig öffent­lich zei­gen und unter Men­schen sind. Wohl­mög­lich sind sie eher so „mit­tel­of­fen“ was neue Erfah­run­gen angeht und viel­leicht weni­ger ver­träg­lich, weil man im Wett­kampf nun­mal kei­ne Rück­sicht auf die Geg­ner neh­men kann. Wenn es aber um ihr Trai­ning und ihre Wei­ter­ent­wick­lung geht, dann erle­di­gen sie ihren Trai­nings­plan sehr gewis­sen­haft und sind beharr­lich, was ihre Zie­le angeht. Eine wei­te­re Ver­mu­tung könn­te sein, dass sich Sport­ler weni­ger neu­ro­tisch ver­hal­ten, also eher gefühls­sta­bil und nur wenig ängst­lich und ner­vös sind (mit „ner­vös“ ist hier nicht die Auf­re­gung vor einem Wett­kampf gemeint, son­dern das all­ge­mei­ne Ver­hal­ten im All­tag).
 
Die Stu­die, die For­schung zu „Sport und Per­sön­lich­keit“ in den acht­zi­ger Jah­ren ins Rol­len brach­te, hat eini­ge der obi­gen Ver­mu­tun­gen über­prüft und anhand einer wis­sen­schaft­lich fun­dier­ten Metho­dik die Per­sön­lich­keit von fast 200 Olym­pia­teil­neh­mern und 500 Nicht-Sport­lern ana­ly­siert und mit­ein­an­der ver­gli­chen. Tat­säch­lich konn­te die For­schungs­grup­pe Unter­schie­de zwi­schen den Olym­pio­ni­ken und den­je­ni­gen fin­den, die kaum Sport trie­ben: Wie ver­mu­tet waren Sport­ler extra­ver­tier­ter, als Nicht-Sport­ler. Neue­re Stu­di­en schei­nen dies zu bestä­ti­gen, auch hier fand sich ein posi­ti­ver Zusam­men­hang zwi­schen „Sport­trei­ben“ und „Extra­ver­si­on“. Auch konn­te her­aus­ge­fun­den wer­den, dass die Eigen­schaft „Gewis­sen­haf­tig­keit“ bei Sport­lern höher aus­ge­prägt ist, wäh­rend Sport­ler jedoch gleich­zei­tig etwas weni­ger neu­ro­tisch sind als der „Nor­mal­bür­ger“. Wenn man sich aber die Eigen­schaf­ten „Offen­heit für Erfah­run­gen“ und „Ver­träg­lich­keit“ anschau­te, zeig­te sich kei­ne beson­de­re „Sport­ler­aus­prä­gung“.
 
Vie­le der obi­gen Ver­mu­tun­gen tref­fen also zu, aber den­noch nicht alle. Wor­an könn­te das lie­gen?
 
Die vor­lie­gen­den Stu­di­en haben nicht zwi­schen ver­schie­de­nen Sport­ar­ten unter­schie­den. Jemand der Kampf­sport betreibt und sei­ne Geg­ner besie­gen muss, müss­te, um erfolg­reich zu sein wenig, Wert auf Har­mo­nie legen (nied­ri­ge Aus­prä­gung von „Ver­träg­lich­keit“), wäh­rend Team­sport­ler sehr koope­ra­tiv han­deln müs­sen (hohe Aus­prä­gung von „Ver­träg­lich­keit“). Tat­säch­lich gibt es genau hier­zu auch For­schungs­er­geb­nis­se: Die Eigen­schaf­ten von Team­sport­lern sind in ihrer Ver­träg­lich­keit meist höher aus­ge­prägt als die Eigen­schaf­ten von Ein­zel­sport­lern.
Hal­ten wir also fest: Es scheint wirk­lich Unter­schie­de im Hin­blick auf die Per­sön­lich­keit von Sport­lern zu geben.
 
Aber wie kommt das zustan­de?
Hier gibt es meh­re­re Theo­ri­en:
 
Per­sön­lich­keit ist zeit­lich rela­tiv sta­bil, das bedeu­tet du wachst nicht mor­gen früh auf und ver­hältst dich kom­plett anders, son­dern wenn man dein heu­ti­ges Ich mit dei­nem Ich vor zwei Jah­ren ver­gleicht, dann wird es wahr­schein­lich noch gro­ße Par­al­le­len geben. Wenn man jetzt aber zehn Jah­re zurück­blickt, dann hast du dich sicher­lich schon ein wenig ver­än­dert in der Zeit. Das ist der Punkt, den man mit „rela­tiv“ sta­bil meint. Nun kann es einer­seits sein, dass Sport dei­ne Per­sön­lich­keit über die Jah­re mit beein­flusst hat. Dass du gemerkt hast: „Nur durch regel­mä­ßi­ges Trai­ning und har­te Arbeit kom­me ich an mein Ziel.“ und dadurch zum Bei­spiel gewis­sen­haf­ter gewor­den bist.
Ande­rer­seits ist es aber auch mög­lich, dass der Sport, so wie er gestal­tet ist, schon von sich aus die Per­so­nen anzieht, die sowie­so von der Per­sön­lich­keit her pas­send sind. Das heißt, das Umfeld  ist bei­spiels­wei­se so, dass har­te Arbeit und Beharr­lich­keit im Trai­ning gefor­dert wer­den und Per­so­nen, die die­se Eigen­schaf­ten nicht auf­wei­sen sich even­tu­ell nach kur­zer Zeit ein neu­es Hob­by suchen, weil sie Sport für sich nicht so pas­send emp­fin­den.
 
Du siehst: Man kann tat­säch­lich sagen, dass es eine bestimm­te Art von „Sport­ler­typ“ gibt, der sich in der Per­sön­lich­keit vom „Otto-Nor­mal­ver­brau­cher“ unter­schei­det. Span­nend ist jetzt viel­leicht für dich her­aus­zu­fin­den und zu reflek­tie­ren: Inwie­weit passt dei­ne Per­sön­lich­keit zum Sport­ler­typ? Und wo gibt es noch Unter­schie­de?

Info zum Autor:

Daria Mar­schall beschäf­tigt sich mit der Leis­tungs­psy­cho­lo­gie von Sport­ar­ten und ist von Haus aus Sport­wis­sen­schaft­le­rin (B. A.) und Psy­cho­lo­gin (B. Sc.). Auf ihrem Blog und ihrem Pod­cast BRAIN & BARBELLS teilt sie ihr Wis­sen zuge­schnit­ten auf Cross­Fit, Func­tio­n­al Fit­ness und Weight­lif­ting.
In Ein­zel­coa­chings und Work­shops ler­nen Ath­le­ten bei ihr, an ihrer men­ta­len Leis­tungs­fä­hig­keit zu arbei­ten und ihr Poten­zi­al voll aus­zu­schöp­fen.

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